Wer braucht DAB+?

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DAB+ / Radio Zukunft
Foto: Daniel Labs/pixelio.de

(Foto: Daniel Labs/Pixelio.de)

 

Große Aufregung Mitte Dezember: Nach langem Verhandeln, nach diversen Fristverlängerungen, nach zähem Suchen nach zusätzlichen Geldgebern war es am 15. Dezember doch soweit: Sendenetzbetreiber Media Broadcast und fünf private Radiobetreiber (zu den 5 Sendern siehe…)waren sich einig. Sie wollen DAB + gemeinsam auf den Weg bringen. Den letzten „finanziellen Schubs“ hatte wohl der britische Chiphersteller „Frontier Sillicon“gegeben (seine Chips sind in den neuen DAB+Empfängern enthalten). Er versprach, die beteiligten Radiosender in den nächsten vier Jahren finanziell zu unterstützen. „Just in time“, denn just an diesem Tag lief die von der KEF – offiziell: Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten – aufgestellte letzte Frist aus. Damit scheint der Weg frei für weitere 42 Millionen Euro Fördergelder.

Prompt gab es huldvolle Worte wie z.B. vom ARD-Vorsitzenden Peter Boudgoust: „Wenn jetzt alle Beteiligten so konstruktiv zusammenarbeiten, wie es sich im Augenblick abzeichnet, bin ich zuversichtlich, dass das Radio eine gute Perspektive hat, sich auch in der digitalen Welt den Stellenwert zu erhalten, den es heute über UKW hat“.

Klingt schön, ist vielleicht auch schön, aber wer braucht DAB+? Auf der schweizerische Seite digiradio.ch werden die Vorteile von DAB so beschrieben: Ausweitung der Vielfalt, Platz für Spartenprogramme, kein Frequenzsalat, Möglichkeit für Zusatzdienste wie Anzeigen der Playliste, CD-Cover, zusätzliche Dienste unabhängig vom Programm. „Na und“ kann ich da nur sagen, haben wir doch schon. Jeder Radiosender, der eine (einigermaßen zeitgemäße) Homepage und einen Stream anbietet, kann diesen Nutzwert für den Hörer vorhalten und tut es.

Wo ist dann der Sinn, soviel Geld in die neue Technologie zu pumpen. Rund 200 Millionen sollen es nach Inge Seibel-Müller seit Anfang der 90er Jahre schon gewesen sein und der Erfolg – überschaubar bis nicht erkennbar. Das an sich ist ja schon traurig. Hinzu aber kommt – waren Anfang der 90er Jahre die erwähnten Zusatznutzen noch etwas Besonderes (und gaben dem Projekt einen Grund, es umzusetzen), hat das Internet diese inzwischen alle vereinnahmt. Und das Internet ist für uns alltäglicher Umgang, für Radiohörer eine gelernte und jederzeit nutzbarer Verlängerung des Programms und auch gelernter Verbreitungsweg. Und das Internet haben wir schon (demnächst auch im Auto) Warum also DAB+, warum immer weiter Geld in eine Idee stopfen, der 90er Jahre Sinnhaftigkeit verschwunden ist und damit auch jeglicher Grund, ein entsprechendes Extragerät zu kaufen (siehe auch sueddeutsche.de)???

3 Kommentare

  1. DigiAndi sagt

    Warum DAB notwendig ist:

    -Hörfunk muss auch in Zukunft frei zugänglich sein. Das Internet ist nicht frei zugänglich. Man muss Verträge abschließen, es fallen zusätzliche Kosten an, Dienste können leicht gesperrt werden, das Nutzungsverhalten kann kontrolliert werden. Wie viele SIM-Karten bräuchte man in Zukunft wohl, wenn man überall Internetradio hören “muss”? In der Küche, im Wohnzimmer, im Büro, im Autoradio… – das ist doch totaler Irrsinn!

    -Das Internet würde in sich zusammenbrechen, wenn alle, die jetzt über UKW hören, plötzlich auf Internetradio umsteigen würden. Dieses technische “Problem” berücksichtigen die wenigsten. Woher bitte sollen die Bandbreite kommen, die man für Millionen von gleichzeitigen Benutzern benötigt? Da scheitert es einerseits auf der Seite des Benutzers (UMTS ist doch jetzt schon überfordert, wenn viele Nutzer in einer Zelle sind!), andererseits auf der Seite der Anbieter, die extreme Bandbreiten zur Verfügung stellen müssten.

    -Und dann wäre da noch das Problem der mobilen Versorgung. Bis wir eine flächendeckende Versorgung mit UMTS/HSDPA/LTE haben, dürfte es noch ein bisschen dauern, mal ganz abgesehen von der Bandbreitenproblematik, wenn ein ganzer Ort auf einer Zelle hängt. Der Betrieb eines DAB-Netzes ist da im Vergleich einfach und kostengünstig zu realisieren!

    • antennenmichel sagt

      - “Hörfunk muss auch in Zukunft…” : Ja, das Internet ist nicht frei zugänglich, aber wie viele haben schon eine Flatrate und hören Radio über Computer, Handy, Internetradios. Für DAB+ müssten sich alle ein neues Gerät kaufen, ohne wesentlich mehr Leistung geboten zu bekommen. Und das Internet im Auto kommt sowieso mit entsprechender Verbindunsgmöglichkeit.

      – “Das Internet würde in sich zusammen brechen…”: Korrekt, aber es werden ja nicht alle plötzlich umsteigen. Die Fristen für UKW sind Ende letzten Jahres ja erst verlängert worden. Damit sind die Zeichen für einen unbefristeten Parallelbetrieb gesetzt. Tatsächlich ist die Bandbreite aber bislang ein Problem. Aber auch DAB+ ist ja nicht grenzenlos – in Nordrhein-Westfalen passt das vorhandene Lokalfunksystem nicht auf eine Scholle.

      – “Und dann wäre da noch das Problem…”: Auch hier korrekt. Aber es ist ja noch Zeit, vielleicht löst sich diese Problematik. Und so rpeiswert ist DAB+ ja auch nicht. Aktuell ist es ein weiterer Verbreitungsweg, der erst einmal kostet, aber noch eine ungewisse Zukunft hat.

  2. Das Radio ist ja inzwischen das einzige Medium, das technisch noch im medialen Steinzeitalter sendet. Mit einem vor 60 Jahren entwickelten UKW-Standard. Eine Digitalisierung wird kommen. Wohl eher über LTE (UMTS-Nachfolgestandard) als via DAB/DAB+. Das heißt: Wir werden, wie du es andeutest, Internet-Radio im Autoradio hören. An dieser Entwicklung haben die drei wesentlich Kräfte im Radiomarkt kein Interesse, was den wilden Aktionismus in Sachen DAB erklärt:

    a) Die Landesmedienanstalten und damit die Politik verlieren bei LTE den steuernden Einfluss, weil Lizenzierungsverfahren überflüssig werden. Es wird also keine Radios von Politiker Gnaden mehr geben. Eine schreckliche Vorstellung für Medien-Politiker. Bei DAB dürfen sie weiter Lizenzen an die vergeben, DAB ist kontrollierbar.

    b) Öffentlich-Rechtliche Radios haben aufgrund des Medienstaatsvertrags Interesse an DAB. Der Vertrag verbietet ihnen eine Inflationierung von Kanälen. ÖR’s dürfen nicht unendlich viele Streams mit verschiedenen Musikrichtungen ins Netz stellen, sondern nur zwei Digital-Programme pro Anstalt betreiben. Sie haben also ebenfalls kein Interesse an einer offenen Radioplattform

    c) Blieben die Privatsender. Die Zahl der Player im Markt ist heute relativ beschränkt. Auch wenn rund 300 Privatradios existieren, stecken dahinter ja immer dieselben Betreiber (Verleger, Regiocast, Bertelsmann, mit Abstrichen Otto und NRJ). Im Werbemarkt konkurrieren also vergleichsweise wenig Anbieter miteinander, die ihre Claims in den vergangenen zwei Jahrzehnten gut abgesteckt haben. Nun droht Konkurrenz von Unabhängigen. Niemand weiß, wie sich der Markt entwickelt. Gerade die Verleger setzen auf den Schutz, weil die Einnahmen aus Radiowerbung noch das stabilsten in ihrem aktuellen Geschäftsmodell sind. Also haben auch sie Interesse an DAB, bei dem es nicht unendlich viele Kanäle geben wird.

    Spannend wird somit, ob sich die geballte Macht etablierter Player erfolgreich gegen den technischen Fortschritt wehren kann, oder ob wir vor einer kompletten Umwälzung des Radiomarktes durch neue Internetradios stehen.

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